Doris Frech

 

Ich genieße den Blick aus dem Fenster: Drei Kastanienbäume, fünf Pappeln, eine Buche, ein Ahornbaum und etliche Sträucher zieren unseren Hof und gestatten mir, seit vielen Jahren Großstädterin, die Jahreszeiten hautnah mitzuerleben. Der Sommer hat sich lange schon verabschiedet, die milde Herbstsonne scheint auf die goldgelben oder rostbraunen Blätter. Ab und zu fällt eine Kastanie mit einem dumpfen Klack zu Boden oder löst sich ein gelbes Blat vom Baum, das dann gemächlich durch die milde Herbstluft flattert.

Während sich die Pappeln majestätisch im Wind wiegen, erzeugen die Blätter der Bäume und Sträucher ein säuselndes Rascheln, wie man es auch in Meditationsmusik wiederfindet, dort allerdings eine Kopie, der Natur lediglich abgelauscht. Hinter den Bäumen heben sich vorüberziehend weiße Wolken wie Wattebäusche dezent vom himmelblauen Hintergrund ab, eine Atmosphäre zeitlosen Friedens legt sich auf mein Gemüt. In diesen Tagen liebe ich es, mich vor geöffnetem Fenster in meinen Sessel zu schmiegen und mich von der eigentümlichen Stimmung des goldfarbenem Herbstes tragen zu lassen. Alles, was mich bedrücken könnte, fällt von mir ab, ich spüre die wunderbare Nähe und Erhabenheit unseres Herrn, und eine alles umfassende Liebe breitet sich in mir aus.

Kein Gedanke an kommende Stürme, peitschende Regen oder eisige Winde stört meinen Frieden. „Wie vor 100, 500 oder vielleicht 1000 Jahren“, denke ich, und Bilder aus meiner Kindheit ziehen herauf, einer Kindheit auf dem Lande, wo die Jahreszeiten und das Wetter den Ablauf der Tätigkeiten bestimmten.

Die Bilder verblassen, und ich finde mich im Herbst meines Lebens wieder. Der Sommer hat sich unwiderruflich verabschiedet. Ich weine ihm nicht nach. Warum auch? Nass war er, kalt und verregnet. Den Platz an der Sonne habe ich nicht gefunden. Ich musste mich an schattigen Hängen laben. Die Sehnsucht nach Licht und Wärme ist geblieben.

Ich schaue aus dem Fenster, in dem sich Sonnenstrahlen brechen, und ich weiß, dass er, den ich früher nicht kannte, mir all das geben kann.