[Wz: Aus DIE WELT von 12.12.2017– „Schwierigkeiten mit Gott“ (gekürzt)]

 

Papst Franziskus sagte in einem Interview mit dem italienischen Fernsehen, der Vaterunser-Vers Und führe uns nicht in Versuchung", wie er in der deutschen und in der italienischen Version des Vaterunsers heißt, sei „keine gute Übersetzung". Besser sei: Lass mich nicht in Versuchung geraten." Denn - so der Papst - „Wer dich da in Versuchung führt, ist nicht Gott, sondern der Satan."

So einleuchtend das für moderne Christen mit ihrer Sehnsucht nach einem widerspruchsfreien gütgen Gott klingen mag: Es würde eine 1700-jährige Übersetzungstradition auf den Kopf stellen, wenn die deutschen Katholiken dem Diktum des Papstes folgten (wie bereits die französischen Bischöfe).

 

In Deutschland lernte man erst in der frühen Neuzeit, den griechischen Urtext zu verstehen. Seit dieser Zeit ist kein Übersetzer auf die Idee gekommen, jenes Gebet, das Jesus selbst seine Jünger gelehrt hat, so umzudichten, dass Gott keine aktive Rolle bei der Versuchung spielt. In den althochdeutschen Fassungen des 9. Jahrhunderts wird immer gebeten, Gott möge uns nicht in Versuchung leiten.


Spätestens seit der Humanist Erasmus von Roterdam 1516 erstmals den griechischen Urtext des Neuen Testaments drucken ließ und ihn damit allgemein zugänglich machte, herrschte kein Zweifel mehr daran, dass Gott selbst die Gläubigen aktiv in Versuchung führen könnte.

 

Auch in Martin Luthers Bibel-Ausgabe von 1545, der letzten vor dem Tod des Reformators, steht der Vers in der heutigen Fassung: „Vnd füre vns nicht in versuchung." Das war keineswegs die Idee eines Ketzers, der sich gegen die restliche religiöse Welt stellte. Auch Luthers katholischer Gegenspieler Hieronymus Emser übersetzte 1527 mit „und nit fair vns inn versuchung".

 

Ebenso ließ der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli, der 1524 die Bibel unabhängig von Luther übersetzte, keine Zweifel an der Rolle Gottes: „feire vns nit in versuchug".


Noch heute gibt es bei den Protestanten Tendenzen, an den Bibelworten herumzubasteln. Der Vaterunser-Vers in der um die Alltagssprache bemühten Gute-Nachricht-Bibel lautet:
„Und lass
uns nicht in die Gefahr kommen, dir untreu zu werden."
Die evangelische Bischöfin Margot Käßmann findet jedoch, man solle das Vaterunser belassen, wie es ist.

 

Von uns [Wz] sei noch hinzugefügt, dass auch Kardinal Marx (Bischof von München) der Meinung ist, die Zeile in der gewohnten Form beizubehalten. Ebenso äußerte sich unser EKDRatspräsident Bedfort-Strohm.

 

[Wz] DIE WELT vom 14.12.17 bringt noch eine weitere Stimme (Th. Gandlau, München):

 

Die derzeitge Diskussion beruft sich auf die älteste (griechische) Fassung des Neuen Testamentes: Jesus habe den Gebetstext so gesprochen, wie dort berichtet.

 

Jesus sprach aber Aramäisch, wie alle Juden im Israel des ersten Jahrhunderts. Aufzeichnungen der Worte Jesu in Aramäisch liegt nicht vor, aber Wissenschafler können die Gebetszeile rekonstruieren. – Sie würde in Aramäisch lauten: … „und lass uns nicht in Versuchung kommen (geraten)“.

 

Fordert Franziskus die Änderung des Wortlautes also doch zurecht?