Sonntagspredigt am 10. Sonntag nach Trinitatis:

 

Pfarrer Klaus Dieter Suk

 

 gottbefreit

 

Liebe Gemeinde!

 

Bastian fliegt über Berge und durch Wolken. Er reckt die Faust in die Höhe und lacht zusammen mit Furchur, auf dessen Rücken er sitzt. Bastian, der Junge aus der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende, ist einfach nur glücklich. Bastian braucht das. Er ist ein kleiner und schwächlicher Junge. Hänseleien sind in der Schule an der Tagesordnung. Ich gönne es ihm, dass er durch die Straßen seiner Stadt fliegen kann und den Mitschülern einen gehörigen Schrecken einjagt.   furchur

Machen die Israeliten auf dem Weg von Ägypten bis zum Sinai diese Erfahrung? Flogen sie wie
Bastian auf einem Glücksdrachen von der Sklaverei in die Freiheit?
„Ich habe euch auf Adlerflügeln getragen und euch zu mir gebracht.“

 

Bei einem Weg durch die Wüste vermute ich anderes. Wüstenerfahrungen sind keine glückseligen Momente. Und Israel wird für das Durchqueren der Wüste nach dem Alten Testament ganze 40 Jahre brauchen. Das klingt eher nach Durst und nach Tod.

 

Auch was mich als Christen trägt, wird manchem verloren gegangen sein. Der Glaube an Gott, der mich gerade in meiner schweren Zeit sieht. Ich verstehe das. Ich gehe selbst durch Wüsten, auch wenn ich davon selten erzähle. Es muss doch Pfarrer Klaus Dieter Suk mehr geben, als sich von Woche zu Woche hangeln! Mehr als das tägliche Einerlei, meine kleinen Wüsten.

 

In meinen großen Wüstenerfahrungen habe ich von einem Menschen Abschied genommen. Ich weiß mit einer Krankheit oder Scheidung nicht umzugehen. Ich blicke nach vorn, ohne das Gefühl, dass es sich lohnt.

 

In diesen Tagen blicke ich auch aus einem anderen Grund mit Sorge in die Zukunft. Beispiel: Bundestagswahl. Wohin wird Deutschland steuern? Rückt das Land politisch stärker nach rechts? Der Rechtspopulismus nimmt zu. Der Antsemitsmus wird fast wieder gesellschaftsfähig. Der heutige Sonntag (10. n. Trin.) fordert mich auf, solchen Dingen energisch zu widersprechen. Wir erinnerten am 20. August an die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier 586 vor Christus und durch die Römer im Jahr 70 nach Christus und an den Holocaust in unserer Vergangenheit.

 

„Und Mose stieg hinauf zu Gott.“
Er hat seine Wüstenerfahrungen gemacht und traut trotzdem Gott etwas zu. Er glaubt an ihn. Mose
erlebt Befreiung trotz der Strapazen. Es ist gerade nicht paradiesisch, im Gegenteil. Die Verantwortung für die Israeliten wird ihn sicher belasten. Dennoch geht er Gott entgegen.

Die Evangelien erzählen, wie Jesus auf Menschen zugeht und Menschen ihm kommen. Ein Schriftgelehrter fragt ihn nach dem höchsten Gebot. Jesus antwortet ihm: „Das höchste Gebot ist das: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein … Das andre ist dies: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“

karawane

Moses steigt hinauf zu Gott. Menschen gehen Christus entgegen. Darf ich sagen: Gott kommt mir entgegen, wenn ich ihm entgegenkomme? Wahrheit ist, dass Gott als Erster handelt. Die Befreiung
aus Ägypten ist Gottes Liebesbeweis:
„Meine Barmherzigkeit gehört allen Menschen dieser Erde.“

 

Gott spricht zu Moses: „Wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, dann sollt ihr mein Eigentum sein.“ Das Großartige dieses Verses wird oft nicht gesehen: Gott lässt hier Israel alle Freiheit! Das ist Gottes Wesen.

 

Die Israeliten hätten auch sagen können, flapsig gesprochen: „Hast du gut gemacht, Gott. Aber jetzt möchten wir lieber alleine klarkommen.“ Das ist eine zeitlose Haltung. Erstaunt bin ich - sind wir - , wenn Gott sie ernst nimmt, und wir wirklich alleine klarkommen müssen.

 

Mose stieg am Sinai hinauf. Jetzt geht Israel Gott entgegen. Es kommt zum Bundesschluss (Mose
20). Gott spricht ein zweites Mal von der Befreiung Israels. Sie sollen darauf mit der Einhaltung der
Zehn Gebote antworten. Es sind Gebote der Freiheit.

 

Ist das für mich noch nachvollziehbar? Oder fühle ich mich durch die Gebote eher eingeengt?

 

Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat. Das ist eine zentrale Bitte des Bundesschlusses zwischen Gott und Israel. Auch der Nächste gehört zu mir, sagt Gott, denn die ganze Erde ist mein. Darum sagt Christus: „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten. Dann kann dir dein Leben gelingen.“

 

Von Martin Luther stammt der Gedanke: Durch deine Taufe hast du alles Recht, deine Kirche zu gestalten. Luther nannte das das „Priestertum aller Gläubigen“. Ich finde, er nimmt damit Gottes letzten Satz des biblischen Textes ernst: Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ Das galt und gilt noch heute für Israel. Auch als Christ fühle ich mich in gleicher Weise durch Gott befreit. Und auf diese Freiheit und die Möglichkeit, sie zu gestalten, lasse ich mich gern ein.

 

Amen.