Im letzten Gemeindebrief wurde hinter die Überschrift „Ehe für alle“ ein Fragezeichen gesetzt.
Dieses Fragezeichen ist sicher als Provokation zu verstehen; denn die Ehe für Menschen, die diese Lebensform wählen, ist vom Bundestag beschlossene Sache. Eine Diskriminierung nach sexueller Prägung soll es nicht mehr geben.

Nun steht in dem Artikel sinngemäß ein Ausrufezeichen für die Forderung: Ehe und damit Trauung nur für die Gemeinschaft von Mann und Frau.
Was nun die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare betrifft, gibt es zu dieser Frage von evangelischer Seite eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. (Familie als verlässliche Gemeinschaft, 2013). Ein Bezug auf diese Orientierungshilfe hätte dem
Artikel sicher gut getan.

 

Zunächst einmal möchte ich festhalten: Auch wenn zum Beispiel im Grundgesetz von Ehe und Familie gesprochen wird, so gilt: Ehe und Familie können zusammen gehören.
Sie sind dennoch unabhängig voneinander zu betrachten. Nicht der Kinderwunsch ist konstitutiv für eine Ehe, sondern die Liebe zweier Menschen und ihr Wunsch, dieser Liebe in Verlässlichkeit in guten wie in bösen Zeiten Ausdruck zu geben. Sinngemäß versprechen sie einander: Ich bin für dich da - ein ganzes Leben bis hin ans Sterbebett. Ob Ehepaare Kinder wollen, ist allein ihre Sache und gehört in die Gestaltungsfreiheit ihrer Gemeinschaft.

 

Auch ist die Ehe kein Sakrament und schon gar nicht seit mehr als 3000 Jahren eine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil gibt es für das familiale Zusammenleben eine Vielfalt biblischer Bilder. Anrührend ist wie Rut zu ihrer Schwiegermutter sagt: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen“. (Rut 1,16). Abraham hatte durchaus mehrere Frauen, so auch Jakob. Und Maria und Martha lebten als Schwestern zusammen. Männer (David und Jonathan) waren in nahezu zärtlicher
Freundschaft einander vertraut.
Solche und weitere Aspekte fasst die oben genannte Orientierungshilfe zusammen: „Die den Kindern Gottes zugesagte gleiche Würde jeder und jedes Einzelnen von Geschlecht und Herkommen und die erfahrene Gemeinschaft in Christus in all ihrer Unterschiedlichkeit fordert die vorfindlichen Ordnungen immer neu heraus.
Deswegen versteht die Reformation die Ehe als „weltlich Ding“; sie ist kein Sakrament, sondern eine Gemeinschaft, die unter dem Segen Gottes steht.“

 

Die ersten Geschichten der Bibel erzählen wie Gott das Leben und die menschliche Gemeinschaft, obgleich das Dichten und Trachten des Menschen böse ist von Jugend auf, unter seinen Schutz und Segen stellt.
Gott eröffnet durch seinen Segen dem Leben Zukunft. „In dem Augenblick, … in dem der Segen der Handauflegung spürbar wird, kann deutlich werden, dass Gottes Zukunft und Liebe als Kraftquelle stärker sind als menschliche Erwartungen und menschliches Versagen. Damit ist auch die Ermutigung verbunden, das gemeinsame Leben von der erfahrenen Liebe her zu gestalten und von
Gottes Liebe umfangen zu lassen, was immer geschieht.“

 

Geht es um das liebevolle Füreinander – Dasein, mit dem Christen auf Gottes Hingabe für sie antworten, dann sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften, „in denen sich Menschen zu einem verbindlichen und verantwortlichen Miteinander verpflichten, auch in theologischer Sicht als gleichwertig anzuerkennen.“

 

Was gleichwertig ist, sollte man auch gleich behandeln. Von daher plädiere ich für die Kirchliche Trauung für alle, die in diesem Sinne ihre Ehe führen wollen und für sie Gottes Segen erbitten. Wer wollte ihnen dies verweigern?

 

Borkum, im September 2017,
Martin Brandhorst, Pfarrer